Kunstwerk des Monats

Adriaen van der Spelt (um 1630-1673), Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, 1662, Öl auf Eichenholz, 62 x 47,7 cm,  Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. M 1995-13
Adriaen van der Spelt (um 1630-1673), Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, 1662, Öl auf Eichenholz, 62 x 47,7 cm, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. M 1995-13

August 2012

Adriaen van der Spelt (um 1630-1673)
Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, 1662

Vor dem Hintergrund einer Wandnische entfaltet sich ein kunstvoll arrangiertes Stillleben aus Efeu- und Weinranken, verschiedenen Früchten, Schnecken und Schmetterlingen. Drei reife Pfirsiche, vor denen sich ein weißer Schmetterling niedergelassen hat, sind in das Laubwerk eingebettet. Die sie umgebenden Trauben treten hingegen in das Dunkel der Nische zurück. Auf dem Nischenboden sind eine Orange, eine Zitrone und eine Birne angeordnet, in deren Nähe ein weiterer Schmetterling Platz genommen hat (vgl. Abb. 1). Zwischen den Weinranken sind außerdem kakiartige Früchte sowie vereinzelt Schnecken zu erkennen.

Abb. 1: Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, Detail: Nischenbank
Abb. 1: Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, Detail: Nischenbank

Das Stillleben war eine im 17. Jahrhundert noch junge Bildgattung. Tiere, Früchte, Blumen und Gefäße gehörten zwar schon lange zum Repertoire der Maler, waren aber stets Bestandteil größerer Bildzusammenhänge und für sich genommen keine darstellungswürdigen Gegenstände. Erst um 1600 entwickelte sich das autonome Stillleben als Tafelbild und gelangte vor allem in den Niederlanden zu großer Blüte und Beliebtheit. Dies erscheint vor dem Hintergrund der niederländischen Maltradition nur folgerichtig: Seit den Anfängen der Kunstgeschichtsschreibung wurden die nordalpinen Länder vor allem dafür gerühmt, dass ihre Maler die Oberfläche der Dinge täuschend echt nachahmten, während die Figurenmalerei eher als Domäne der Italiener galt. Der Hauptreiz des Stilllebens van der Spelts besteht auch tatsächlich darin, es „mit den Augen abzutasten“. Die haptischen Qualitäten der einzelnen Gegenstände werden optisch erfahrbar: die samtig-pelzige Oberfläche der reifen Pfirsiche, auf denen sich an einigen Stellen schon leichte Druckstellen abzeichnen; die geäderten Weinblätter, deren Ränder sich vor Trockenheit einrollen; das Changieren von matten und glänzenden Partien auf den Trauben; die glatten, glänzenden Oberflächen der kakiartigen Früchte und der Schneckenhäuser im Kontrast zu den porigen Schalen der Zitrusfrüchte. Lebendig wirkt all dies vor dem Hintergrund des nackten, kalten Steins, dessen Eigenschaften durch Risse und Meißelspuren (vgl. Abb. 1) ebenso erfahrbar werden.

Die konkrete Bedeutung, die ein Stillleben in sich birgt, lässt sich nicht immer eindeutig entschlüsseln. Vanitas-Bilder, die an die Vergänglichkeit des Lebens gemahnen (daran lassen hier Schnecken und Schmetterlinge denken) und religiös intendierte Stillleben, die an die Eucharistie erinnern (in denen man oft Weintrauben und Weinlaub findet) waren zwei der häufigsten Typen. Darüber hinaus spielte aber, vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, auch die reine Kunstfertigkeit der naturalistischen Darstellung eine wichtige Rolle.

Abb. 2: Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, Detail: Schlussstein in Form eines Puttenkopfes
Abb. 2: Früchtestillleben mit Schmetterlingen und Schnecken in einer Nische, Detail: Schlussstein in Form eines Puttenkopfes

Von dem holländischen Maler Adriaen van der Spelt, der das Bild unten rechts mit „AVSpelt. F“ signierte und mit scheinbar in den Stein gemeißelten römischen Zahlen „M.D.I C LXII“ (1662, vgl. Abb. 1) datierte, sind kaum Werke bekannt. Ebenso wenig weiß man über das Leben des Malers, der der Leidener Lukasgilde angehörte, 1661 nach Gouda übersiedelte, sich von 1664-1670 als Hofmaler des Großen Kurfürsten in Berlin aufhielt und schließlichnach Gouda zurückkehrte.

Neben Früchtestillleben schuf van der Spelt vor allem Blumenstücke. Sein bekanntestesGemälde zeigt ein Blumenbouquet mit Vorhang und befindet sich im Art Institute von Chicago. Gemeinsam ist den Bildern in Chicago und Düsseldorf die sich im Dunkel verlierende steinerne Wandnische – ein Motiv, das man schon in der älteren niederländischen Malerei, z.B. bei Jan van Eyck (1390-1441), findet und das für die Entwicklung des Stilllebens eine wesentliche Rolle spielt. Erst nach mehrmaligem Hinschauen lässt sich das Dunkel differenzieren: Schemenhaft ist der aus Stein gemeißelte Kopf eines geflügelten Putto am oberen Bildrand zu erkennen (vgl. Abb. 2), der die Nische wie ein Schlussstein in einer Bogenöffnung nach oben hin begrenzt. Die glänzende Politur des Kinderkopfes kontrastiert wiederum mit den groben Meißelspuren der steinernen Wand.

Will sich der Betrachter Klarheit über die räumlichen Verhältnisse verschaffen, wird er feststellen, dass das schlüssige Gesamtbild das Resultat eines gleichermaßen widersprüchlichen wie kunstvollen Arrangements ist. Das rankende Blattwerk scheint eher vor der Nische zu schweben als an der Mauer entlang zu wachsen. Ebenso finden die verschiedenen Früchte nur optischen Halt: Die Pfirsiche haben sich auf einem Weinblatt wie in einem Vogelnest „eingenistet“; die kakiartigen Früchte scheinen den Wein-und Efeuranken zu entspringen, sind tatsächlich aber gar nicht mit ihnen verbunden. Selbst die Birne liegt nicht, wie die beiden Zitrusfrüchte, auf der Nischenbank auf, sondern „schwebt“ über ihr (Abb. 1).

Der Kunstgriff des Malers besteht also vor allem darin, durch die gegenseitige optische Verankerung der Bildelemente ein Bildgefüge zu schaffen, das als reale Situation nicht denkbar wäre – auf der Bildfläche jedoch „funktioniert“ und als Gemälde glaubhaft ist.

Hedda Finke

Hier finden Sie die Kunstwerke aus den Vormonaten veröffentlicht.

 

 

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