Kunstwerk des Monats

Otto Grashof (1812 – 1876), Bildnis der Eltern des Künstlers in der Laube, 1832, Öl auf Leinwand, 86,5 x 71 cm, Inv.-Nr. M 2013-6, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Otto Grashof (1812 – 1876), Bildnis der Eltern des Künstlers in der Laube, 1832, Öl auf Leinwand, 86,5 x 71 cm, Inv.-Nr. M 2013-6, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Egidius Mengelberg (1770-1849), Bildnis der Familie Windgassen (?), 1834, Öl auf Leinwand, Inv.-Nr. M 211, Düsseldorf,  Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf
Egidius Mengelberg (1770-1849), Bildnis der Familie Windgassen (?), 1834, Öl auf Leinwand, Inv.-Nr. M 211, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Foto: Stiftung Museum Kunstpalast Düsseldorf

November 2014

Otto Grashof (1812 - 1876)
Bildnis der Eltern des Künstlers in der Laube, 1832

Das spätbiedermeierliche Doppelbildnis ist eines der ersten, heute nachweisbaren Frühwerke des Düsseldorfer Malerschülers Grashof. Es blieb fast 200 Jahre im Besitz der Familie, bis es im Jahr 2013 dem Museum Kunstpalast geschenkt wurde. Nach der Reinigung der Leinwand und des Zierrahmens wird es nun erstmals öffentlich ausgestellt. 

Aufgewachsen und sesshaft geworden in Köln, studierte Grashof ab 1826 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Theodor Hildebrandt und Wilhelm von Schadow. Grashof wurde später vor allem für seine literarischen und biblischen Historienbilder und seine Tierstücke bekannt.

Zum Meisterschüler Schadows in der Klasse der Genremalerei avanciert, nahm sich der gerade Zwanzigjährige vor, seine Mutter Dorothea Grashof, geb. Brüder, und seinen Vater Dr. Karl Friedrich August Grashof (1770-1841), preußischer Konsistorial- und Schulrat seit 1815 und wichtiger Reformer des Kölner Schulwesens, in der Laube ihrer Wohnung am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln darzustellen. Grashof präsentiert seine Eltern zwischen Haus und Garten in einem Privatraum, dessen begrenzte Ausdehnung die damalige Geisteshaltung zur Zeit der späten Restauration versinnbildlicht, d.h. der Wunsch nach Geborgenheit und Abschottung von der Außenwelt. Das Bild entspricht mit seiner Detailgenauigkeit, seiner farbigen Leuchtkraft und der realistischen Malweise dem gängigen Typus eines Familienporträts der Biedermeierzeit. Diese Bildnisse sollten als Erinnerungsstücke das Gesehene naturgetreu wiedergeben.

Die Eltern sind in der Mode ihrer Zeit gekleidet: Dr. Grashofs schwarzer Anzug ist an der Londoner Mode orientiert, die damals vor allem durch den Dandy und Modekönig Beau Brummell bestimmt wurde. Unter seinem Frack mit engen Ärmeln und ausgestellten Revers wird die Weste mit der goldenen Uhrkette und das sich kunstvoll aufgestellte Halstuch erkennbar. Sein halblanges Haar ist zeitgemäß nach hinten gekämmt. Die Schriftstücke in seiner Hand und im Zylinder deuten auf seine Korrespondenzen mit bekannten Zeitgenossen hin. Dorothea Grashofs Kleidung entspricht mit den üppigen Puffärmeln, dem überhängenden Kragen und der Spitzenhaube, aus deren Falten die um die Stirn gesteckten Locken hervordrängen, der Pariser Mode. Sie sitzt im grauen Kleid auf einem gotisierendem Armlehnstuhl, in dessen Rücklehne die Signatur des Künstlers mit Datum in Form einer Wappenkartusche geschnitzt wurde. Ihr linker Fuß ruht auf einem reich bestickten Schemel, während sie mit dem Sticken einer Blumenborte beschäftigt ist. Unter dem Sessel wacht zu ihren Füßen ein Münsterländer. An zentraler Stelle bilden der Zylinder mit den Schriftstücken und die mit Obst gefüllte Glasschale ein Stillleben. Darüber gibt das vergitterte Fenster, auf dessen Brett ein Orangenbäumchen steht, den Blick in das Gebäudeinnere frei. In dem Bild im Bilde betont die rote Draperie das von einer Homer-Büste bekrönte Bücherregal. Das Idyll wird durch das abgerundete Format verstärkt: Umrankt von Wein, rotem Geißblatt und blauen Winden wird die Szene  von weiteren Pflanzen, die aus dem lehmigen Boden sprießen, flankiert und zusätzlich durch den floral verzierten Goldrahmen umrandet.

Mit solchen Gemälden sollten Tugendhaftigkeit, Bescheidenheit, gute Erziehung und Bildung demonstriert werden. In der von Prüderie bestimmten Zeit wurde Glück empfunden durch die feste Rollenstruktur innerhalb der Familie und das gepflegte Heim mit Garten, in dem alles seinen festen Platz hatte. Die starke Naturverbundenheit förderte die regelmäßigen Sommeraufenthalte der Familien im Garten (Abb. 1). Entsprechend wurde das Buch Die Sprache der Blumen, das  1818 in Frankreich erschienen war, zum Bestseller und war bald in jedem bürgerlichen Haushalt zu finden. Nun wurden Blumen nicht mehr nur aus wissenschaftlichem Interesse, sondern auch aus Gründen der Anmut und Symbolik gemalt.

Ebenso berücksichtigt Grashof in seinem Elternbildnis die Blumensymbolik jener Zeit:  Die Pflanzen auf der Seite des Vaters zeichnen ihn als religiösen, redlichen und demütigen Mann aus, denn das Vergissmeinnicht steht für Beständigkeit und Treue, das Veilchen für Demut und Zielstrebigkeit, die Calla für Anerkennung und der Wein für die christliche Erlösung. Durch die Schriften, die Homer-Büste, die Bücher und nicht zuletzt durch seine Kleidung wird er als gebildeter Mann dargestellt. Gemäß seiner Position als Familienoberhaupt überragt er seine Frau, die sitzend ihre untergeordnete Rolle bezeugt. Die sie umgebenden Pflanzen charakterisieren ihre Vorzüge: Die Waldanemonen symbolisieren starke Gefühle, Liebe und Hoffnung. Die Clematis steht für Schutz, Halt und ein Miteinander, während das Geißblatt ergebene Liebe und Treue versinnbildlicht. Durch ihre Handarbeit und bürgerliche Kleidung – vor allem durch die Haube – zeigt sie sich als tugendhafte Ehefrau. Das Thronen weist sie als zentrale Figur im familiären Kontext aus, während ihr Fuß auf dem Schemel ihre Dienstbereitschaft und Demut symbolisiert. Der Hund zu ihren Füßen ist ein Zeichen der Treue, der Wachsamkeit und Anhänglichkeit. Die Früchte hinter ihr auf dem Tisch deuten auf ihre Fruchtbarkeit hin, deren Frucht der Maler selbst ist. Und schließlich spielt auch die alles umfangende Laube auf die christliche Ikonographie des hortus conclusus an – das Paradiesgärtlein, in dem Maria umgeben von Pflanzen durch eine Mauer geschützt wird. Als weibliches Prinzip steht die Laube für Schutz, Geborgenheit, Obdach und ist ein typischer Ort des Biedermeiers.

Hendrik Olliges

Hier finden Sie die Kunstwerke aus den Vormonaten veröffentlicht.

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