Kunstwerk des Monats

Abb. 1: Theodor Hildebrandt, Die Ermordung der Söhne Eduards IV. - Ölskizze, 1834, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Abb. 1: Theodor Hildebrandt, Die Ermordung der Söhne Eduards IV. - Ölskizze, 1834, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Abb. 2: Theodor Hildebrandt, Die Ermordung der Söhne Eduards IV., 1835, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Abb. 2: Theodor Hildebrandt, Die Ermordung der Söhne Eduards IV., 1835, Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg, Neuss

Juli 2014

Theodor Hildebrandt (1804-1874)
Die Ermordung der Söhne Edwards IV. - Ölskizze, 1834

Hildebrandts Shakespeare-Szene erfuhr schon bald nach ihrer Vollendung höchstes Lob als „Meisterwerk ersten Ranges“. Sie zählt bis heute zu den Schlüsselwerken der Düsseldorfer Malerschule und zu den unangefochtenen Lieblingsbildern unseres Museumspublikums. Während das ausgeführte Gemälde 1962 in die Sammlung kam, tauchte die kleinformatige Ölskizze erst 2012 im Kunsthandel auf und konnte dank des Vermächtnisses Werner L. Müller erworben werden.

In Shakespeares Tragödie Richard III. (IV. Akt, 3. Szene) spitzt sich der Machtkampf um die Thronfolge am englischen Hof auf die Ermordung der Thronerben Eduard und Richard im Auftrag ihres Onkels Richard von Gloucester, später König Richard III., zu. Dabei wird das dramatische Geschehen nur mittelbar durch einen Boten geschildert. Das Gemälde aber konfrontiert den Betrachter so unvermittelt mit dem Schicksal der wehrlosen Kinder, dass beim Publikum lange kein Auge trocken blieb. Auf einer schmalen Bühne findet ein Krimi statt, dessen mörderisches Geschehen gleichsam in einem „lebenden Bild“ mit den Mitteln einer Malerei „täuschender Wahrheit“ in Szene gesetzt wird. Die gedungenen Mörder Dighton und Forrest treten an das Bett der aneinandergeschmiegt schlummernden Knaben, mit der Absicht, sie mit dem Kissen zu ersticken.

Anders als im Gemälde von Paul Delaroche (1797-1856) und seinem ängstlich lauschenden Prinzenpaar von 1830 (Louvre) greift Hildebrandt den spannungsreichsten Augenblick unmittelbar vor Ausübung des brutalen Mordes heraus, wohl wissend, dass sich der Betrachter das traurige Ende in seiner Phantasie selbst ausmalt. Die unerwarteten Skrupel, von denen die gedungenen Mörder angesichts der unschuldig schlafenden Kinder ergriffen werden, und das leise Innehalten kurz vor der Tat aber wecken eine bittersüße Hoffnung. Der Betrachter wird dabei in widersprüchliche Gefühle gestürzt, sein Beschützerinstinkt wird geweckt, Mitleid und Wut ergreifen ihn, während er sich an der Holdseligkeit der süßen Kinder, am engelshaften Schmelz ihres Inkarnats, an den goldenen Locken und vielen haptisch-stofflichen Details kaum sattsehen kann.

Zugleich erzeugt das Aufschieben des dramatischen Höhepunkts eine unerträgliche Spannung. Zwar wird der Betrachter zur Teilnahme am Geschehen aufgefordert, indem er nah an das Bett herantreten kann, aber er tut dies in der ambivalenten Spiegelbildlichkeit zu den Mördern und vermag das Schicksal dennoch nicht abzuwenden.

Die Folge ist eine grundlegende Veränderung in der Konzeption der Gattung Historienmalerei. Nun findet eine Verschiebung von der Aktion zur psychologisierenden Beobachtung des Seelenlebens der dargestellten Protagonisten statt. Mit dieser Art der Historienmalerei, die keine Siege und Eroberungen, sondern innere Konflikte zum Thema macht, trug Hildebrandt wesentlich zur Ausformung der bald europaweit gerühmten „Düsseldorfer Seelenmalerei“ bei. Sie sollte den Betrachter zur Bewusstwerdung seines eigenen Seelenlebens anregen. Hildebrandt folgte damit dem christlich-humanistisch geprägten Kunstideal seines Lehrers Wilhelm von Schadow.

Die frische Unmittelbarkeit und offene Pinselstruktur, die den Reiz der Ölskizze ausmachen, sind im ausgeführten Bild getilgt. Zwar stimmt der Bozzetto in vielen kompositionellen und farblichen Details mit dem ein Jahr später ausgeführten Gemälde überein, er offenbart aber auch die Unterschiede. Ablesbar ist eine Entwicklung vom Entwurf zum fertigen Ölgemälde hin zu größerer Dramatik: Während Hildebrandt in seiner Skizze die Szene harmonisch ausleuchtet, verstärkt er im großen Format die starken Helldunkel-Kontraste als Zeichen für das Gute und Böse. Auch das Kissen als Mordinstrument ist hier noch nicht so prägnant ausgeführt wie im fertigen Bild. Noch fehlt der Rosenkranz, und statt der  kostbaren Mäntel und einer violetten Königskappe ist das Fußende des Bettes nur von einem Hermelinmantel bedeckt. 

Ein rotes Siegel auf der Rückseite der Skizze verrät die Herkunft aus dem Nachlass von  Johann Wilhelm Schirmer, erster Professor für Landschaftsmalerei an der Düsseldorfer Akademie und enger Freund von Hildebrandt. Denkbar ist, dass die Skizze ein Geschenk an den Künstlerfreund oder auch ein Tauschobjekt war. Vielleicht war sie auch Gegenstand einer der Diskussionen im „Komponierverein“, wo erste Entwürfe für größere Vorhaben unter den Künstlern besprochen wurden.

Lange aber galten Ölskizzen nicht als offizielles Sammelobjekt, geschweige denn als Handelsware. Erst als Schirmer 1863 verstarb, wurde die Skizze auf der „Kunst-Auction des Schirmer’schen Nachlasses“, der am 11. März 1870 bei der Hofkunsthandlung Sachse & Co. in Berlin versteigert wurde, öffentlich angeboten und von einem privaten Liebhaber erworbe.

Bettina Baumgärtel

Hier finden Sie die Kunstwerke aus den Vormonaten veröffentlicht.

 

 

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