Kunstwerk des Monats

Jeden Monat wird ein Werk aus der Sammlung des Museum Kunstpalast von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und in regelmäßigem Wechsel zwischen den Abteilungen präsentiert. Nicht nur die Kurzführung im Rahmen der KUNSTPAUSE, sondern auch ein wissenschaftlicher Essay eröffnen neue Sichtweisen auf das betreffende Kunstwerk. 

Vergangene Kunstwerke des Monats finden Sie im Archiv.

Kunstpause

Machen Sie eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS.

In der Regel jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat, 12.30-12.50 Uhr

Treffpunkt: Thorn-Prikker-Foyer (Sammlungsflügel)
Gebühr: 3 Euro

Giorgio Vasari (1511 – 1574), Allegorie der vierten Hore des Tages, um 1541 / 1542

Giorgio Vasari (Arezzo 1511 – 1574 Florenz), Allegorie der vierten Hore des Tages, um 1541 / 1542
Feder in Braun, über Spuren schwarzen Stiftes, braun laviert, mit Deckweiß gehöht, auf blaugrauem Papier, 18,9 x 17,6 cm, Stiftung Museum Kunstpalast, Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf (NRW), Inv. Nr. KA (FP) 6422 – Foto: Horst Kolberg – Artothek
Giorgio Vasari (Arezzo 1511 – 1574 Florenz), Allegorie der vierten Hore des Tages, um 1541 / 1542
Feder in Braun, über Spuren schwarzen Stiftes, braun laviert, mit Deckweiß gehöht, auf blaugrauem Papier, 18,9 x 17,6 cm, Stiftung Museum Kunstpalast, Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf (NRW), Inv. Nr. KA (FP) 6422 – Foto: Horst Kolberg – Artothek

In leichter Untersicht ruht eine üppige weibliche Gestalt auf Wolken. Ihren Kopf zeigt sie in scharfem Profil, wie dies bei Figuren des Florentiner Manierismus häufig zu sehen ist. In ein knöchellanges und kurzärmliges Kleid gewandet, trägt sie ein enges, hochgeschnürtes Oberteil und einen bauschigen Rock, dazu Sandalen. Sie hält einen hochrechteckigen Rahmen rechts in der Hand. Ihr Blick und ihre linke Hand ruhen auf der Oberkante einer schildförmigen Tafel, die von Sphingen getragen wird. In den unteren Teil der Tafel sind die Ziffern 4 bis 12 arabisch eingeschrieben, während darüber eine große römische Vier, hier mit vier senkrechten Strichen dargestellt, zu erkennen ist. Die auf der Tafel ruhende Hand führt zwischen den Fingern einen dünnen, langen Gegenstand, der mehr als Stab denn als Stift erscheint, aber dessen noch schmalerer Schatten an die arabische Vier gerade eben noch heranreicht. Damit erklärt sich schlagartig, warum die Tafel als Sonnenuhr zu verstehen ist und auch, warum die beiden Flügel des Kopfputzes auf das Phänomen Zeit hinweisen, die im Fluge zu vergehen scheint.
Lambert Krahe (1712 – 1790), einst Gründungsdirektor der Kunstakademie Düsseldorf, in deren historisch gewachsener Sammlung die Zeichnung noch heute bewahrt wird, erkannte das unsignierte Blatt als von der Hand des Künstlers Giorgio Vasari (1511 – 1574), der als einer der führenden Künstler am Hofe der Medici gilt. In Arezzo geboren, kam Vasari früh nach Florenz, dem damaligen Zentrum der toskanischen Kulturlandschaft. Dort nahm er die Kunst Michelangelos und die des Andrea del Sarto in sich auf, auch studierte er die Kunst des Rosso Fiorentino, einem Wegbereiter der manieristischen Malerei. Vasari war in dieser Zeit eng mit Francesco Salviati befreundet und unternahm mit ihm zahlreiche Reisen – so gingen sie im Jahre 1532 nach Rom, 1538 nach Bologna, und nach weiteren drei Jahren findet man sie in Venedig.
Im Rom des Jahres 1546 schuf Vasari in der Sala dei Cento Giorni des Palazzo della Cancelleria die noch heute beeindruckenden Fresken zum Ruhm des Papsttums, die Papst Paul III. bei dem Künstler in Auftrag gegeben hatte. 1554 wieder in Florenz tätig, hatte Vasari dann auf Geheiß von Cosimo I. de‘ Medici einen umfangreichen Freskenzyklen im Palazzo Vecchio auszuführen. Vasari war nicht nur Maler, er war auch Architekt. Auf ihn gehen die Pläne für die Uffizien zurück, die zunächst der Verwaltung dienten, aber auch als Werkstätten der am Hofe beschäftigten Silber- und Goldschmiede, Schreiner und Künstler genutzt wurden. Als Theoretiker gilt er zudem als Vater der Kunstgeschichte, auf dessen Viten noch heute gerne zurückgegriffen wird.

Für die Düsseldorfer Zeichnung gelang der Versuch, den ursprünglichen Zusammenhang und die Funktion der Zeichnung aufzuhellen. Entstanden ist das Blatt auf Wunsch des zwanzig Jahre älteren Freundes Pietro Aretino (1492 – 1556). Beide stammten aus Arezzo und erlernten dort das Handwerk des Malens, dann war es aber doch mehr die Dichtkunst, zu der sich Aretino hingezogen fühlte. Um 1517 in Rom anzutreffen, erhielt er Zugang zum päpstlichen Hof Leos X. und knüpfte dort, neben anderen einflussreichen Künstlern, Freundschaften zu Raffael und Giulio Romano. Bald jedoch geriet er wegen seiner Dichtkunst, insbesondere seiner Spottverse, in Misskredit. Als er lustvoll anstößige Sonette für die Kupferstiche Marcantonio Raimondis schrieb, verdarb er es sich mit seinen Freunden und Förderern endgültig. Immerhin fand er 1525 bei dem Dogen von Venedig, Andrea Gritti, Verständnis. Rasch hatte Aretino seinen Platz im Kreis von Humanisten und Künstlern, unter anderem mit Tizian und Sansovino, gefunden. Zudem fanden seine Schriften dank des in der Stadt blühenden Buchdruckerhandwerks rasche Verbreitung. Im Jahre 1542 sollte Pietro Aretinos neues Theaterstück „La Talanta“ während des Karnevals aufgeführt werden. Aretino bat daher seinen Freund und Maler Vasari um den Entwurf einer geistreichen Dekoration des auszustattenden Theatersaals – denn die Aufführungen wurden seit jeher von einer Vereinigung junger Edelleute, der Compagnia della Calza, und deren Gruppierungen ausgerichtet, so genannt wegen ihrer auffallend bunten Strümpfe. Ein Brief Vasaris an Ottaviano de’ Medici gibt Aufschluss über das Aussehen des von ihm entworfenen Saals. Demnach waren die Wände des Theaters mit acht großen monochromen Gemälden geschmückt, zwischen denen sich Nischen mit Personifikationen befanden, die von Karyatiden gerahmt wurden. Die Decke enthielt Allegorien der vier Tageszeiten und 24 kleinere Gemälde mit den 12 Stunden des Tages und den 12 Stunden der Nacht. So ist es ebenfalls in Vasaris Vita des Künstlers Cristofano Gherardi nachzulesen.

Mit dem Dekorationsprogramm konnte über die Jahre eine Reihe von Zeichnungen in Verbindung gebracht werden. So bereitet ein Blatt im Kupferstichkabinett, Berlin, Flussgötter vor; eine Zeichnung im Rijksmuseum, Amsterdam, gibt einen Teil eines Wandaufrisses wieder, auf dem nicht nur ein Gemälde, sondern auch seine Rahmung durch Nischen bzw. Karyatiden zu sehen sind. Ein Blatt im Louvre, Paris, ließ sich anschließen, welches als Entwurf für eines der Gemälde der Wände erkannt wurde. Alle drei Zeichnungen wurden auf blauem Papier angelegt, mit Ausnahme des Blattes in Amsterdam, welches kein einzelnes Gemälde, sondern einen Wandabschnitt studiert. Hinzu kommen zwei Zeichnungen im Musée des Arts Décoratifs, Lyon, die Flussgötter wiedergeben. Eine Zeichnung in Rom zeigt Aurora, welche sich Tithonos entzieht, und ein Blatt mit dem „Sturz des Phaeton“ befindet sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung, München. In diese Reihe fügt sich das Düsseldorfer Blatt ein.

Dr. Sonja Brink

Die Kunstwerke aus den Vormonaten finden Sie im Archiv veröffentlicht.

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