Kunstwerk des Monats

Jeden Monat wird ein Werk aus der Sammlung des Museum Kunstpalast von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und in regelmäßigem Wechsel zwischen den Abteilungen präsentiert. Nicht nur die Kurzführung im Rahmen der KUNSTPAUSE, sondern auch ein wissenschaftlicher Essay eröffnen neue Sichtweisen auf das betreffende Kunstwerk. 

Vergangene Kunstwerke des Monats finden Sie im Archiv.

Kunstpause

Machen Sie eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS.

In der Regel jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat, 12.30-12.50 Uhr

Treffpunkt: Thorn-Prikker-Foyer (Sammlungsflügel)
Gebühr: 3 Euro

Moschee-Tor, Ägypten, 15. Jahrhundert

Moschee-Tor, Ägypten, 15. Jh., Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf
Moschee-Tor, Ägypten, 15. Jh., Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

Auf der Suche nach neuen formalen und ornamentalen gestalterischen Lösungen wandten sich die europäischen Künstler und Kunsthandwerker Ende des 19. Jahrhunderts der Kunst des Orients und des Fernen Ostens zu.
Auch die Düsseldorfer Orientsammlung des ehemaligen Kunstgewerbemuseums geht auf eine solche Initiative zurück. Zwischen 1882 und 1910 entstand eine systematisch angelegte Vorbildersammlung unter anderem mit Kalligraphien, aufwendig gearbeiteten Metallgefäßen und Möbeln sowie kunstvollen Bucheinbänden, kostbaren Teppichen und Seidengeweben. Das imposante zweiflügelige Holztor war, neben einem komplett gestalteten orientalischen Wohnraum, Teil dieser attraktiven Kollektion, die der erste Direktor, Heinrich Frauberger, u.a. auf seinen Reisen ins östliche Mittelmeer selbst zusammengetragen hatte. Vermutlich stammt die große, im ‚mamlukischen Kassettenstil‘ gefasste Tür aus Kairo, das seit dem Mittelalter berühmt war für seine aufwendigen Schnitzarbeiten. Verschiedene Hölzer, besonders Zedernholz, wurden für den Rahmen, die Stäbe und Einlagen des Tores verarbeitet. Das Tor gehörte zur Fassade eines Monumentalbaus, vermutlich einer Moschee, deren Innenraum durch einen zentralen Durchlass betreten wurde. Neben Kairo kommen auch die syrischen Städte Aleppo und Damaskus als Entstehungsorte in Frage, die den ‚mamlukischen Kassettenstil‘ im 14. Jh. übernommen hatten. Das Herrschaftsgebiet der Mamluken erstreckte sich zwischen 1250 und 1517 vom heutigen Tunesien über Ägypten, Palästina, Jordanien, Syrien, dem heutigen Irak bis hin zu den heiligen Stätten Medina und Mekka. Kairo bildete sein Macht- und Regierungszentrum. Noch heute wird das Bild der Altstadt von den zahlreichen Hausteinbauten aus jener Zeit mit ihren reich dekorierten Fassaden, Kuppeln und Minaretten dominiert.

Die Moscheetür stammt aus der Blütezeit der mamlukischen Herrschaft und zeigt ein typisches Muster aus großen sechzehnzackigen Sternen, die versetzt angeordnet sind und durch Polygonalformen untereinander verbunden werden. Auch die kleine Doppeltür des Durchlasses zeigt auf den musterzusammenfassenden Hälften einen Stern, zwölfzackig, der über einen Kranz aus kleinen Sternen und Polygonen in Teilsterne gleichen Formats ausstrahlt. Diese Art der Flechtbandornamentik mit Sternen als Leitmotiv für eine geometrische‚ ‚unbegrenzte Musterung‘ bestimmte die verschiedenen Gattungen des Kunsthandwerks und den Baudekor des islamischen Orients über Jahrhunderte. Die Ursprünge liegen in der Geometrie und Astrologie begründet, einer Folge der intensiven Auseinandersetzung des jungen Islam mit den antiken Wissenschaften. Die große Bedeutung, die das naturwissenschaftliche und philosophische Denken in der islamischen Welt bereits seit dem frühen Mittelalter besaß, hatte somit weitreichenden Einfluss auf die Künste. Auf der Grundlage von ästhetischer Theorie und Geometrie entstand bereits ab dem 10. Jh. eine komplexe Ornamentik, die zu einer der wichtigsten Dekorationsformen für Gebäude sowie Objekte aller Art wurde und sogar Entwürfe und Konstruktionen von Bauwerken beeinflusste. Diese von Gelehrten und Künstlern gemeinsam vorangetriebene Entwicklung führte dazu, dass sich bei der Gestaltung die geometrische Ordnung – manchmal in reiner Form, manchmal unter Zusatz pflanzlicher oder kalligraphischer Ornamentik – zur maßgeblichen Norm der islamischen Kunst entwickelte. Neben der Geometrie galt das besondere Interesse der islamischen Wissenschaft der Astrologie und Astronomie. Dieses Wissen beruhte vor allem auf dem Erbe der altorientalischen Religionsgemeinschaften wie den Parsen und besonders den altmesopotamischen Sabiern, deren Zentrum im Norden des heutigen Irak lag und die im 11. Jh. die islamische Religion annahmen. Bereits im Mittelalter entstanden genaueste Astrolabien, und das Berechnen günstiger Konjunktionen entwickelte sich zu einem auch politisch bedeutenden Wissensgebiet. Die intensive Beschäftigung mit der Sternenkunde hatte Einfluss auf die Künste. Bereits früh gehörten Sternenmotive wegen ihrer klaren Grundstruktur, die man in komplizierten ornamentalen Mustern fortsetzen kann, zu den beliebten Gestaltungselementen zusammen mit vegetabilen Motiven und Arabesken. Darüber hinaus verweist das Motiv auf das Himmelsfirmament und damit auf die sieben Himmel des Islam, über denen sich der achte Himmel, der Sitz Allahs, wölbt.

Auch wenn Deutschland nicht zu den maßgeblichen Akteuren des Kolonialismus zählte, ist der europäische Kolonialismus als strukturprägendes Phänomen im 19.Jh. von nicht unerheblicher Wirkung für die Gründung und Blüte kunstgewerblich-ethnologischer Sammlungen. Zum Selbstverständnis dieser Museen gehörte bei der Präsentation ebenso wie beim Sammeln das Ausblenden bzw. die Reduktion komplexer gesellschaftlicher Strukturen. Außereuropäische „Kulturen“ wurden damals im Gegensatz zu heute über den Erwerb der Objekte auf einige wenige ästhetische und materielle Hinterlassenschaften reduziert, im Vordergrund stand die Betonung des Fremden, des Andersartigen. In der gegenwärtigen Museumspräsentation bildet das imposante Tor das Entree zur Orientsammlung und ist zugleich verbindendes Glied zwischen okzidentaler und orientalischer Kunst.

Barbara Til

Die Kunstwerke aus den Vormonaten finden Sie im Archiv veröffentlicht.

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