Kunstwerk des Monats

Jeden Monat wird ein Werk aus der Sammlung des Museum Kunstpalast von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und in regelmäßigem Wechsel zwischen den Abteilungen präsentiert. Nicht nur die Kurzführung im Rahmen der KUNSTPAUSE, sondern auch ein wissenschaftlicher Essay eröffnen neue Sichtweisen auf das betreffende Kunstwerk. 

Vergangene Kunstwerke des Monats finden Sie im Archiv.

Kunstpause

Machen Sie eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS.

In der Regel jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat, 12.30-12.50 Uhr

Treffpunkt: Thorn-Prikker-Foyer (Sammlungsflügel)
Gebühr: 3 Euro

Simon Kick (1603 - 1652), Dame mit Dienerin vor dem Spiegel um 1648

Simon Kick (1603–1652), Dame mit Dienerin vor dem Spiegel, um 1648
Öl auf Holz, 67 x 51,5 cm, Museum Kunstpalast, Schenkung Maria und Michael Sichelschmidt, Düsseldorf, Inv.- Nr. M 2017-4, Foto: Horst Kolberg, Neuss
Willem Kick, zugeschrieben, Lackierte Schatulle, 1618, 120 x 154 x 119,5 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Foto R. Baarsen, in: Bull. RijksMuseum 2008, S. 20

Sinnlichkeit und Besinnlichkeit bestimmen in gleicher Weise die hier dargestellte Interieur-Szene. In Gedanken versunken steht eine Dame in einem gefliesten Innenraum an einem mit einem kostbaren Teppich gedeckten Tisch. Sie blickt in einen Spiegel, der ihr von ihrer Dienerin vorgehalten wird. Still in sich hineinhorchend, hält sie inne und scheint Zwiesprache mit ihrem Spiegelbild zu halten. Ihr Blick in den Spiegel ist mehr als die schnelle Rückversicherung, ob der Rock richtig sitzt. Ihr ernstes Gesicht signalisiert, dass es weniger um die eitle Spiegelung ihres Äußeren, sondern vielmehr um die Prüfung ihres Inneren geht, vielleicht sogar um eine schonungslose Selbst-Prüfung. Die Frau, die wie angewurzelt in der Mitte des Raumes steht, kann kaum als eine klassische Schönheit bezeichnet werden. Sie hat ein herbes, aber charaktervolles Gesicht, dessen tiefe Augenhöhlen, fahles Inkarnat und dessen leichter Ansatz zum Doppelkinn andeuten, dass sie sich jenseits ihrer Jugendblüte befindet.

Das Thema Dame bei der Toilette gehört von jeher zum beliebten Themenrepertoire eines Künstlers und bedient das voyeuristische Bedürfnis eines Betrachters, der es genießt, heimlich und exklusiv Einblick in die intime Situation des Ankleidens einer Frau nehmen zu können. Erst wenn man sich gründlicher in Simon Kicks Boudoir-Szene vertieft, erkennt man die Eigenständigkeit seiner eindrucksvollen Gestaltung. Mutig lässt er eine weit größere Fläche des Bildes im Unbestimmten und schafft ein bewusstes Missverhältnis von leerem zu gefülltem Raum. Dies erzeugt ebenso Spannung wie die Licht- und Farbkontraste im Bild. Von links trifft das Schlaglicht auf die Hauptperson und einige Gegenstände und grenzt im Vordergrund die keilförmig beleuchteten Bodenfliesen scharf von der Standfläche der Dame ab. Dort unten blitzt ihr roter Unterrock aus dem blassrosa-farbenen Überrock hervor. Der Blick aber wird rasch nach links auf das strahlende Weiß des gestärkten Linnens eines Frisierumhangs, genannt „kamdoeck“, gelenkt. Er bildet einen reizvollen Kontrast zur leuchtend rot lackierten Schmuckschatulle daneben. All diese Farben und Stoffe, und nicht zuletzt der Duft, der dem kleinen Flakon auf dem Tisch entströmt, sprechen die Sinne an und sorgen dafür, dass die Boudoir-Szene erotisch aufgeladen wird.

Spätestens hier wird deutlich, dass die Luxusgegenstände, die schmucke Kleidung, das hoch geschnürte Leibchen und die voluminöse Stofflichkeit des Rockes bis hin zum offenen roten Haar und dem Spiegelblick, auch einen moralischen Unterton mit Hinweisen auf Superbia und Vanitas, Eitelkeit und Vergänglichkeit, enthalten. Wesentlich aber ist - und hier erweist sich Simon Kick noch vor Gerard ter Borch als Vorreiter im Bereich der holländischen Interieur-Szenen Dame bei der Toilette - , dass seine Darstellung gerade durch ihre stille Versunkenheit und kontemplative Introspektion über den moralisch-allegorischen Gehalt hinaus eine höchst rätselhafte und geheimnisvolle Wirkung entfaltet. Unwillkürlich fragt man sich z. B., warum die Frau so nachdenklich ist und was in ihrem Kopf vorgeht. Ob ihr gerundeter Bauch und die Hand auf ihrem Leib andeuten, dass sie schwanger ist. Horcht sie deshalb so intensiv in sich hinein, oder steht sie vor einer anderen schicksalhaften Entscheidung?

Simon Kick gehörte zu den „great minor masters“ (Jochai Rosen), den so genannten Kleinmeistern, die wesentlich die Blütezeit der holländischen Malerei im Goldenen Zeitalter mitgeprägt haben. Neben Pieter Codde und Willem Duyster wandte er sich bevorzugt Soldatenszenen („wachtlokalen“) zu, schuf aber auch andere Genreszenen und Porträts. Kick, der die Schwester von Duyster und Duyster wiederum die Schwester von Kick geheiratet hatte, lebte ab 1624 mit diesen zusammen in Amsterdam in einem Haus, genannt „De Duystere Werelt“ (Die dunkle Welt). Von seinem Vater Willem Kick, der durch Imitationen chinesischer Lackarbeiten bekannt wurde, könnte der Sohn die Vorlage für das rot lackierte Schmuckkästchen in seinem Bild erhalten haben. Die Schenkung von Maria und Michael Sichelschmidt aus Düsseldorf ist eine willkommene Bereicherung für unseren Sammlungsschwerpunkt holländischer Gemälde des 17. Jahrhunderts. Das Bild befand sich bis 2000 in der Sammlung Hohenzollern-Sigmaringen und bildet nun zusammen mit einer Soldatenszene das Themenspektrum von Kicks künstlerischem Schaffen repräsentativ ab.

Bettina Baumgärtel

Die Kunstwerke aus den Vormonaten finden Sie im Archiv veröffentlicht.

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