Kunstwerk des Monats

Jeden Monat wird ein Werk aus der Sammlung des Museum Kunstpalast von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und in regelmäßigem Wechsel zwischen den Abteilungen präsentiert. Nicht nur die Kurzführung im Rahmen der KUNSTPAUSE, sondern auch ein wissenschaftlicher Essay eröffnen neue Sichtweisen auf das betreffende Kunstwerk. 

Vergangene Kunstwerke des Monats finden Sie im Archiv.

Kunstpause

Machen Sie eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS.

In der Regel jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat, 12.30-12.50 Uhr

Treffpunkt: Thorn-Prikker-Foyer (Sammlungsflügel)
Gebühr: 3 Euro

Stifterscheibe des Jacob Stauffacher, Schweiz, 1622

Stifterscheibe des Jacob Stauffacher, Schweiz, 1622
Farbloses und farbig überfangenes Glas, bleiverglast, vorderseitig mit Schwarzlot bemalt, rückseitig teilweise farbig bemalt, 32 x 21 cm, Museum Kunstpalast, Glasmuseum Hentrich (P 1929-238), Foto: Museum Kunstpalast
Stifterscheibe des Jacob Stauffacher (Auschnitte)

Stifterscheibe des Jacob Stauffacher (Auschnitte)

 

Farbenfreude sowie ein selbstbewusst auftretender Stifter sind charakteristische Merkmale dieser Stifterscheibe – und zugleich die Besonderheiten Schweizer Kabinettscheiben. Der Stifter Jacob Stauffacher steht mit gespreizten Beinen, seine Linke schultert die Hakenbüchse, die Rechte fasst die Stützgabel. Ihm gegenüber steht seine Frau Anna Schnyder mit dem prallen Geldbeutel am Gürtel und reicht ihm den Willkommenstrank. Typisch ist die prachtvolle Kleidung, wobei der modische Ausdruckswille des Mannes dem der Frau keineswegs nachsteht. Zu Füßen des Mannes zeigt ein Renaissanceschild das Bürgerwappen, rechts davon sind der Name des Stifters und Ratsherrn, die Region Glarus und das Jahr 1622 vermerkt. Das Oberlicht zeigt links die Herstellung von Butter und Käse, rechts einen Stall, worin Kühe gemolken werden und ebenfalls Käse bereitet wird: Wie viele andere wohlhabende Schweizer Bürger in dieser Region wird der Stifter seinen Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft verdient haben.

Diese Bauernscheibe steht zeitlich am Ende der Entwicklung der Kabinettscheiben in der Schweiz. Der Ursprung liegt in den Standesscheiben, die sich die Regierungen der Stände (heute Kantone) gegenseitig für ihre öffentlichen Gebäude schenkten. Diese Wappentradition wurde von Klöstern fortgeführt, die sich gegenseitig Wappen für die Kreuzgänge stifteten, ebenso von Gilden und Zünften und schließlich auch vom Adel und dem Bürgertum. Bei privaten Neubauten stand die Stiftung von Wappenscheiben oftmals im Zusammenhang mit nachbarschaftlicher Hilfe. Als Dank und Gegenleistung für die Unterstützung durch Nachbarn, Freunde und Verwandte wurde es anlässlich des Fenstersetzens üblich, ein Fest auszurichten. Diese „Fensterbierfeste“ wurden im Laufe der Zeit derart ausschweifend, dass man sie durch Gesetze einzudämmen versuchte.

Auf den Schweizer Wappenscheiben sind die Wappen in architektonischer Umrahmung präsentiert und häufig von Wappenhaltern begleitet. Mit der Zeit reduzierte sich die Bedeutung der Wappen zugunsten der repräsentativen Darstellung der Stifter selbst: Breitbeinig und kraftstrotzend demonstrieren sie ihren Stolz. Derartige „Stifterscheiben“ zeigen den Mann üblicherweise mit federgeschmücktem Barett und bewaffnet mit Spieß oder Muskete, während seine Frau oft einen schweren Schlüsselbund als Symbol der Hausgewalt trägt und ihm den Trunk reicht. Solche Kompositionen wurden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts auch von wohlhabenden Bauern in Auftrag gegeben.

Länger als in Deutschland blieben die Schweizer Glasmaler bei der Bleiverglasungstechnik, die erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts allmählich zu einer „Malerei auf Glas“ wurde. Der Auftrag der Farben auf eine farblose Glasscheibe erlaubte eine feinere, der Nahsicht angepasste und nicht durch Bleiruten unterbrochene Gestaltung der Motive. Bei der Stauffacher-Scheibe sind beide Gestaltungstechniken zum Einsatz gekommen: Farbloses und rotes Glas sind durch Bleiruten miteinander verbunden, und die Scheibe ist von beiden Seiten mit Schwarzlot, Silbergelb und einigen weiteren Farben bemalt. Die Beliebtheit der Wappenscheiben erreichte im 17. Jahrhundert einen Höhepunkt. Mit der Verbreitung des Holzsprossenfensters, das den Einbau größerer Klarglasscheiben ermöglichte, kam im 18. Jahrhundert die Herstellung der bunten Glasmalereien zum Erliegen.

Die Vorfahren des Stifters Jacob Stauffacher sollen aus Alagna im Val Sesia (Italien) in die Schweizer Region Glarus zugezogen sein. Sie übten zunächst den Beruf des Maurers oder Steinmetzes aus und nannten sich Murer. In Anlehnung an die geachtete Schwyzer Familie, die 1307 mit dem Rütlischwur die Schweizerische Eidgenossenschaft mitbegründet hatte, änderten die Murers ab der Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Familiennamen zu Stauffacher und schreckten dabei auch vor der Fälschung von Dokumenten nicht zurück. Jacob Murer (geb. 1570), der sich ab etwa 1609 Stauffacher nannte, erscheint in den Rats- und Gerichtsprotokollen der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts gemeinsam mit seiner streitbaren Frau sehr häufig und nicht immer in bestem Licht. 1614 wurde er wegen unehrlicher Handlungen als Ratsherr abgesetzt und zu einer hohen Geldbuße verurteilt, später aber rehabilitiert und wieder als Ratsherr tätig. Die Stauffacher Familien verfügten über umfangreichen, durch Heirat vermehrten Grundbesitz. Anna Schnyder starb als Witwe 1636, die Nachfahren bekleideten hohe Ämter in Matt und betätigten sich weiterhin als Bauern und Handwerker.

Stefan Haas

Die Kunstwerke aus den Vormonaten finden Sie im Archiv veröffentlicht.

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