Kunstwerk des Monats

Jeden Monat wird ein Werk aus der Sammlung des Museum Kunstpalast von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses und in regelmäßigem Wechsel zwischen den Abteilungen präsentiert. Nicht nur die Kurzführung im Rahmen der KUNSTPAUSE, sondern auch ein wissenschaftlicher Essay eröffnen neue Sichtweisen auf das betreffende Kunstwerk. 

Vergangene Kunstwerke des Monats finden Sie im Archiv.

Kunstpause

Machen Sie eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS.

In der Regel jeden ersten Mittwoch und Donnerstag im Monat, 12.30-12.50 Uhr

Treffpunkt: Thorn-Prikker-Foyer (Sammlungsflügel)
Gebühr: 3 Euro

Carl Wilhelm Kolbe d. Ä., Liebespaar unter großem Kräuterwerk an einer Quelle sitzend, 1810 (1830 – 1835)

Carl Wilhelm Kolbe d. Ä., Liebespaar unter großem Kräuterwerk an einer Quelle sitzend, 1810 (1830 – 1835), Radierung mit Kaltnadel, 40.5 x 50,8 cm (35,7 x 46,3 cm), Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. 1928-1917
Carl Wilhelm Kolbe d. Ä., Liebespaar unter großem Kräuterwerk an einer Quelle sitzend, 1810 (1830 – 1835), Radierung mit Kaltnadel, 40.5 x 50,8 cm (35,7 x 46,3 cm), Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. 1928-1917
Carl Wilhelm d. Ä., Reitendes nacktes Paar sprengt über einen Steg, 1797, Radierung, 39,2 x 47 cm (35,8 x 29,1 cm), M 173 III, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. 2017-22,  Geschenk Ange Marcus
Carl Wilhelm d. Ä., Reitendes nacktes Paar sprengt über einen Steg, 1797, Radierung, 39,2 x 47 cm (35,8 x 29,1 cm), M 173 III, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. 2017-22, Geschenk Ange Marcus

Die Radierungen des 1759 in Berlin geborenen Carl Wilhelm Kolbe sind heute nahezu unbekannt. Dies liegt unter anderem daran, dass der Künstler ausschließlich die Medien Druckgrafik und Zeichnung nutzte, so dass seine Werke nur selten und in befristeten Ausstellungen dem Licht ausgesetzt werden. Das Museum Kunstpalast besitzt mit 46 Grafiken und einer frühen Zeichnung einen repräsentativen Querschnitt des etwa 300 Radierungen umfassenden Schaffens des eigenwilligen Künstlers.

Als Sohn eines Kunsthandwerkers war Kolbe (1759 – 1835) von Kindesbeinen an mit dem Zeichnen vertraut. Da für ein Studium keine finanziellen Mittel zur Verfügung standen, trat er nach seinem Schulabschluss an der französischen Schule in Berlin 1780 eine Stelle als Französischlehrer in Dessau an. Dort wuchs sein Interesse an Natur und Kunst, so dass er ab 1784 auch Zeichnen unterrichtete und mit seinen Zöglingen zweimal in der Woche promenades pittoresques – malerische Spaziergänge – in der Umgebung, d.h. im heutigen Gartenreich Dessau-Wörlitz unternahm. Der regierende Fürst Leopold Friedrich Franz (1740 – 1817) ließ dieses Areal damals im Stil eines englischen Landschaftsparks anlegen. Im Alter von 30 Jahren entschied sich Kolbe seiner „alten Lieblingsneigung“ zu folgen und „mitten unter einem Schwarme zehnzwölfjähriger Knaben“ an der Akademie in Berlin zu studieren. Er kehrte 1795 nach Dessau zurück und war dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1828 erneut als Zeichenlehrer tätig.

Kolbe bezog sein Leben lang Inspiration aus der ihn umgebenden Natur und aus den Grafiken seiner beiden großen Vorbilder Salomon Gessner (1730–1788) und Anthonie Waterloo (1609–1690). In seinem 1825 verfassten Lebenslauf erwähnte er in Zusammenhang mit seinen Radierungen: „Ich arbeite schnell und fast nur mit der Nadel. In der Regel muss die Platte fertig und abgeschlossen sein, sowie ich sie aus dem Scheidewasser hebe. Doch werde ich nicht selten genötigt, wenn dies und jenes (was leider noch häufig geschieht) im Ätzen versehen worden und zu schwach ausgefallen ist, den Grabstichel zu Hilfe zu nehmen, um den matten Stellen Leben und Kraft zu geben.“ Für das hier besprochene Blatt hat sich in der Albertina in Wien eine Vorzeichnung in schwarzer Kreide erhalten. Sie wird aus stilistischen Gründen auf 1808/10 datiert. Die zugehörige Platte ätzte Kolbe wohl erst in den 1830er-Jahren. Es existieren vier unterschiedliche Zustände, wobei die Düsseldorfer Grafik den Endzustand wiedergibt. Hierfür überarbeitete der Künstler Gesichter und Gewänder des Liebespaares mit Kaltnadel. Gedruckt wurde das Blatt erst 1835, zwei Monate nach Kolbes Tod. Es handelt sich um die dritte von sechs nachgelassenen Radierungen, die sein Berliner Verleger Georg Andreas Reimer veröffentlichte. Die Höhe der Auflage ist unbekannt.

Liebespaar unter großem Kräuterwerk an einer Quelle sitzend ist ein Beispiel für ein Kräuterblatt, eine originelle, nur bei Kolbe zu findende Kombination aus Stillleben, Vanitas-, Landschaftsdarstellung und Pflanzenporträt, die er in etwa 30 Radierungen erprobte. Charakteristisch ist die Krautvegetation aus unterschiedlichen Pflanzengattungen. Sie bestimmt die Komposition und lässt keinen Ausblick in die Ferne zu. Folglich weisen die Kräuterblätter so gut wie keine Himmelszone auf. Das üppige, äußerst plastisch und detailliert wiedergegebene Blattwerk wird mit Figuren bereichert, die miniaturhaft erscheinen und so das Fantastische der Natur noch steigern. Während die wuchernden Pflanzen realistisch anmuten, beschwören die Gewänder der Personen die Idee von Arkadien, einer griechischen Landschaft, Sinnbild für einen Ort glücklichen und beschaulichen Lebens auf dem Land. Bis etwa 1800 stellte Kolbe Personen, die er mit der Antike in Verbindung brachte, ausschließlich nackt dar (vgl. Abb. 2). Später hüllte er die weiblichen Figuren in entsprechende Gewänder, wobei die Brust stets frei blieb. Hier erscheint erstmals auch der Mann in einer mit kurzen Ärmeln versehenen Bekleidung. Das Paar sitzt mit einander zugewandten Gesichtern in einer schattigen, mit Moos bewachsenen Felsennische und umarmt sich. Über ihm wölbt sich ein Dach aus Hopfen- und Weinblättern. Hinter den Figuren steht eine große Amphore aus Metall, auf deren glänzender, durchgearbeiteter Oberfläche der Künstler helle Lichtreflexe herausarbeitete. Am oberen rechten Bildrand entspringt eine Quelle, die sich – nach unten breiter werdend – durch das Bild schlängelt und die Darstellung in zwei Hälften teilt. Während das Liebespaar den rechten Bereich dominiert, sind es links zwei riesige, im Sonnenlicht leuchtende und mit dicken Adern versehene Klettenblattteller, die die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Obwohl Kolbe den Betrachter mit seiner forcierten Unmittelbarkeit zu einem Vergleich mit der Natur geradezu herausfordert, erschwert er die Rückversicherung beim Vorbild durch ein verwirrendes Spiel mit Größen und Realitätsebenen. Seine mangelnde Maßstabstreue versuchte ein begeisterter Rezensent 1803 herunterzuspielen, indem er beteuerte: „So versichert der Künstler, dass er selbst in der Gegend um Dessau die Kletten-Blätter so groß und wohlgenährt gefunden habe, dass er sich darin vom Kopf bis zum Fuß wie in einen Mantel einhüllen konnte.“

Sein Bruch mit der Realität wirkt wie eine Vorwegnahme des Surrealismus, insbesondere der Collagen von Max Ernst. Bereits Kolbe zauberte Gegenstände aus der Fülle seiner Fantasie auf dem Papier hervor. Selbst die Pflanzen hat er angeblich nie unmittelbar nach der Natur gezeichnet, sondern sich auch hier stets auf seine „arbeitende“ Einbildungskraft verlassen.


Die Kunstwerke aus den Vormonaten finden Sie im Archiv veröffentlicht.

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