KUNSTPAUSE

In der Regel jeden ersten Mittwoch im Monat, 12.30-12.50 Uhr
Machen Sie mal eine Mittagspause der besonderen Art: Das Museum Kunstpalast bietet jeden ersten Mittwoch im Monat um 12.30 Uhr eine Kurzführung zum KUNSTWERK DES MONATS. Anschließend besteht die Möglichkeit, im nahe gelegenen E.ON Bistro gemeinsam essen zu gehen.

Treffpunkt: Foyer Sammlungsflügel
Gebühr: 3 €
Weitere Termine:  8.5. (aufgrund des Feiertags), 5.6.2013, 03.07.2013

Pablo Picasso, Sterbender Minotaurus, 30. Mai 1933, Blatt 90 aus der Suite Vollard, Radierung, 19,6 x 26,8 cm, Stiftung Museum Kunstpalast, Inv.-Nr. K 1957, Foto © Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Horst Kolberg, Neuss – ARTOTHEK © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2013
Pablo Picasso, Sterbender Minotaurus, 30. Mai 1933, Blatt 90 aus der Suite Vollard, Radierung, 19,6 x 26,8 cm, Stiftung Museum Kunstpalast, Inv.-Nr. K 1957, Foto © Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Horst Kolberg, Neuss – ARTOTHEK © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Kunstwerk des Monats

Mai 2013

Pablo Picasso (1881 - 1973)
Sterbender Minotaurus, 30. Mai 1933

Der Sage nach bat Minos, der König der Insel Kreta, den Meeresgott Poseidon um die Legitimierung seiner Herrschaft. Im Gegenzug forderte Poseidon, ihm einen besonders prächtigen und kraftvollen Stier zu opfern. Von der Schönheit des Tieres verzaubert, beschloss Minos, es selbst zu behalten und dem Gott einen anderen darzubringen. Als Strafe für diesen Betrug verhexte Poseidon die Frau des Minos, Königin Pasiphaë. Sie verliebte sich daraufhin in den Stier und gebar neun Monate später ein Kind, das halb Mensch, halb Stier war.

Damit das Kind, der Minotaurus, keinen Schaden anrichten konnte, ließ Minos ihn in das Labyrinth von Knossos einschließen. Alle neun Jahre warf Minos dem Minotaurus sieben Mädchen und Jungen zum Fraß vor. Einer der Jünglinge, Theseus, erdolchte den Minotaurus und entkam dem Labyrinth.

„Wenn man auf einer Landkarte alle Stationen ankreuzen würde, die ich passiert habe und sie mit einer Linie verbindet, so käme vielleicht ein Minotaurus heraus?“ – Diese Vermutung äußerte Pablo Picasso im Jahr 1960.

Bereits 32 Jahre früher, 1928, begann er, sich mit dem Wesen des Minotaurus in seinem Werk auseinanderzusetzen. Die zündende Idee dazu kam vom Genfer Verleger Albert Skira, der 1927/1928 in Paris die Publikation einer surrealistischen Zeitschrift anstrebte. Unter dem Titel „Minotaure“ sollte sie ein Forum für surrealistisches Gedankengut in jener Zeit sein. Die Zeitschrift veröffentlichte Beiträge von Dichtern wie Tristan Tzara oder Paul Éluard, die graphische Gestaltung wurde von Künstlern wie Salvador Dalí, Joan Miró, Henri Matisse und Pablo Picasso übernommen. Auf die Bitte Skiras zeichnete Picasso seinen ersten Stiermenschen. Kurz darauf folgte der Entwurf für das Titelblatt der Zeitschrift.

Der „sterbende Minotaurus“ ist das 90. Blatt aus der sogenannten Suite Vollard, einer Radierfolge von 100 Tiefdrucken. Die thematische Ungebundenheit der Folge hängt mit ihrer langen Entstehungsdauer zusammen (1930-1937). Innerhalb des Zyklus’ lassen sich jedoch motivbedingte Zusammenhänge aufzeigen, die auch elf Darstellungen des Minotaurus beinhalten.

Dazu gehört eine, die dem „sterbenden Minotaurus“ vorweggeht. Das Blatt „Minotaurus von Jüngling erdolcht“ zeigt einen zusammengesunkenen Minotaurus, über dem ein Jüngling kniet, der ihm einen Dolch in die Flanke stößt. Im Hintergrund verfolgt eine Menschenmenge das Spektakel.

Eine Frau, die mitleidig den Nacken des Minotaurus mit ihrer Hand berührt, sticht aus der Menge heraus.

Picasso lässt in direkter szenischer Abfolge den Jüngling und einige der Zuschauer verschwinden und ersetzt sie durch fünf Frauen, die nun kühl und gleichgültig auf den Sterbenden hinabblicken, eine sechste berührt noch einmal beinahe seinen Nacken. Der Minotaurus, dem der Dolch entglitten ist, bäumt sich ein endgültiges Mal mit letzter Kraft auf.

Das Spektakel in der Arena gewährt einen Blick auf den sterbenden Minotaurus aus der Sicht des Zuschauers. Dabei nimmt der Betrachter einen Platz auf der Tribüne gegenüber ein und verfolgt den Todeskampf. Im Gegensatz zum mythischen, in der Dunkelheit des Labyrinths von Knossos sterbenden Minotaurus, verlagert Picasso den Schauplatz ans Tageslicht, in die ihm vertraute Umgebung der Stierkampfarena.

Picasso bearbeitete auf verschiedene Weisen seine Platten und griff zumeist auf alt bewährte Graphiktechniken zurück. Dabei ging er höchst innovativ mit den einzelnen Verfahren um. Hier ritzte er mit einer Radiernadel die Zeichnung in eine Kupferplatte, die durch anschließendes Eintauchen in Säure eingeätzt wird. Danach wird die Druckplatte mit Farbe bestrichen. Nachdem sich die Farbe in die eingeritzten Stellen gesetzt hat, wird die überflüssige Farbe wieder entfernt. Druckt man die Platte nun auf feuchtes Papier, bleibt die Farbe in den radierten Linien und Flächen zurück.

Vergleicht man Picassos Werke mit seinen Lebenssituationen, so scheinen diese wie Seiten aus seinem Tagebuch. Konfrontiert mit persönlichen Krisensituationen, zum Beispiel seine Zerrissenheit zwischen seiner Muse Marie-Thérèse Walter und seiner Frau Olga Koklowa, spiegelt sich diese auch im Werk des sterbenden Minotaurus.

Immer wieder hat Picasso mythologische Gestalten für sein Werk entliehen, dabei fallen insbesondere die Anspielungen auf seine Liebesbeziehungen auf.

Seine Beschäftigung mit dem Minotaurus währte fast zehn Jahre lang. In dieser Zeit offenbarte sich, mit welchem Erfindungsreichtum er den Minotaurus immer wieder dargestellt hat. Dies verdeutlicht, wie Picasso seine Gefühle und sein persönlichstes Wesen mit der mythisch aufgeladenen Kreatur des Minotaurus verschmelzen lässt und dabei über den ursprünglichen Charakter des Ungeheuers hinausstrahlt, ohne sich als eine Art private Allegorie abzunutzen.

Alexander Wilmschen

 

Das aktuelle Kunstwerk des Monats finden Sie in unserer Ausstellung „Graphiken von Picasso“ (28.3.-7.7. 3013)

Im Juni zeigen wir „Die Füchse“ von Franz Marc, präsentiert von Kay Heymer, Leiter Moderne Kunst.