Oliver Sieber (geb. 1966), Howl, Leverkusen, 2007

Oliver Sieber (geb. 1966), Hauro/Howl, Leverkusen 2007, aus der Serie Character Thieves, 2007, Pigmentdruck, (2/8), 90,3 x 110,5 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. K 2013-10, © Oliver Sieber, Düsseldorf
Oliver Sieber (geb. 1966), Hauro/Howl, Leverkusen 2007, aus der Serie Character Thieves, 2007, Pigmentdruck, (2/8), 90,3 x 110,5 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. K 2013-10, © Oliver Sieber, Düsseldorf
Oliver Sieber (geb. 1966), Lenneth, Osaka 2006, aus der Serie Character Thieves, 2006, Pigmentdruck, (1/8), 90,3 x 110,5 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. K 2013-9, © Oliver Sieber, Düsseldorf
Oliver Sieber (geb. 1966), Lenneth, Osaka 2006, aus der Serie Character Thieves, 2006, Pigmentdruck, (1/8), 90,3 x 110,5 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Inv.-Nr. K 2013-9, © Oliver Sieber, Düsseldorf

Die Beschäftigung mit Jugendkultur zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen des in Düsseldorf geborenen Fotografen Oliver Sieber. Bereits in seiner ersten Serie Ende der 1990er-Jahre befasste er sich mit Skins, Mods und Teds. Damals porträtierte er Heranwachsende, deren stark voneinander abweichende Frisuren, Kleidung und Accessoires er vor neutralem weißen Hintergrund betonte. Der nüchterne, immer gleiche Fond sowie das einheitliche Format verleihen der Serie den Charakter einer Typologie. Der Künstler versichert jedoch, es gehe ihm nicht darum, Vertreter verschiedener Gruppen in Beziehung zu setzen, sondern um Porträts Einzelner. Grundsätzlich interessieren ihn Personen, die sich in subkulturellen Zirkeln bewegen. Hierzu gehören unter anderem Jugendliche, die den seit den 1990er-Jahren in Japan beliebten Verkleidungstrend Cosplay praktizieren. Cosplay geht auf die englischen Begriffe „costume“ und „play“ zurück. Teilnehmer wählen ihre Lieblingsfigur aus einem Manga, Computerspiel oder Anime und verkörpern sie mit Hilfe eines originalgetreuen Kostüms. Auf diese Weise werden Rollen reflektiert, die Maskerade ermöglicht aber auch Freiheiten, denn das Geschlecht hat für die Wahl der Gestalt keine Bedeutung. Die Gewänder fertigen die Spieler häufig selbst und tragen sie anschließend auf Veranstaltungen, so genannten Anime-Conventions. In Deutschland finden seit 2007 auch Cosplaymeisterschaften statt.

Oliver Siebers Serie Character Thieves, die von 2005 bis 2007 in Kanada, Japan, den Vereinigten Staaten und Deutschland aufgenommen wurde und etwa 65 Arbeiten verschiedener Größe umfasst, widmet sich dem Thema Cosplay. Die Fotografie Hauro/Howl, Leverkusen 2007 zeigt den Zauberer Howl, die männliche Hauptfigur aus Hayao Miyazakis Anime Das wandelnde Schloss aus dem Jahr 2004. In diesem Zeichentrickfilm kann sich der junge Howl in eine vogelähnliche Gestalt mit schwarzen Schwingen verwandeln, um gegen feindliche Luftschiffe zu kämpfen. Auf der Fotografie trägt ein weiblicher Howl ein leicht ramponiertes Federkleid, an dem sich in der Nähe der Flügelspitzen Perlonschnüre befinden, mit denen sich die ausladenden Flugwerkzeuge bewegen lassen. Die Darstellerin steht mit ausgebreiteten Schwingen wie angewurzelt auf einer menschenleeren Nebenstraße in Leverkusen und blickt gedankenverloren an der Kamera vorbei. Die warmen Strahlen der Abendsonne zaubern horizontale Lichtstreifen vor ihre vogelartigen Füße. Im Gegensatz zu Siebers früher Serie skinsmodsteds, in der die Persönlichkeit der Dargestellten durch ihren alltäglichen Look, einer Kombination aus Haartracht, Schmuck und Mode, unterstrichen wurde, sorgt bei den abgelichteten Cosplayern der Hintergrund der Fotografien – Sieber wählte hier das häusliche Umfeld oder die unmittelbare Nachbarschaft – für Rückschlüsse auf den Alltag und damit auf die reale Welt der Spieler. Diese unterscheidet sich eklatant von den phantasievollen, mit großem zeitlichen und finanziellen Aufwand gefertigten Kostümen. So erfährt man im Internet beispielsweise, dass eine Schöpferin einer ähnlichen Hauro-Verkleidung dafür 3000 Federn erworben und verarbeitet hat.

Das Mittel, mit Hilfe der Umgebung etwas über die in ihr lebenden Personen auszusagen, setzte Sieber bereits in seiner Anfang der 2000er-Jahre entstandenen Serie The Making of Music ein, in der er menschenleere Übungsräume von Amateurbands aufnahm. Damals erläuterte er in einem Interview: „Wenn ich ein Foto von einer Straße mache, dann ist das im Prinzip auch ein Porträt. Man kann aus einem Raum möglicherweise viel stärker ein Porträt herausbilden, als wenn du die Person direkt darstellst.“

Sieber, der sich 2006 dank eines Stipendiums gemeinsam mit Katja Stuke einige Monate in Osaka aufhielt, suchte auch dort den Kontakt zu Cosplayern und fotografierte sie. Ein Beispiel hierfür ist Lenneth, Osaka, eine Aufnahme, die ebenfalls Teil der Serie Character Thieves ist. Die Figur Lenneth ist einem Computerspiel entliehen und orientiert sich an der nordischen Mythologie. Walhalla, Odin und die Walküren – Lenneth ist eine von ihnen und soll im Auftrag Odins Kämpfer für die Götterdämmerung rekrutieren – werden in eine Fantasy-Welt versetzt, die mit gotischen Kirchen, Fachwerkhäusern und deutschen Ortsnamen an Europa im Mittelalter erinnert. Auch die japanische Darstellerin hat mit größter Akribie an ihrer Maskerade gearbeitet und dabei die einzelnen, hoch glänzenden Rüstungsteile von Hand aus Kautschuk gegossen. Zahlreiche silberne und goldene Ornamente zieren Helm und Rüstung und scheinen die bizarr wirkenden Formen der benachbarten Balkonvergitterungen aufzugreifen.

Siebers Aufnahmen von Cosplayern verdeutlichen: Die Spielart der Jugendkultur macht nicht an der Grenze eines Landes halt. Bei Cosplay handelt es sich um ein internationales Phänomen, das seine Strahlkraft weltweit entfaltet, geschaffen und weiter genährt von der Industrie. Selbst die Kostüme und ihre einzelnen Bestandteile, beispielsweise die krallenartigen Füße des Hauro, lassen sich weltweit im Internet erwerben. Bereits die Erfinder der Manga, Anime und Computerspiele vermischten in ihren Geschichten geschickt Traditionen aus Ost und West, kombinierten Samurai mit Nibelungen. Da häufig Fremdes fasziniert, erscheint es geradezu folgerichtig, dass sich die japanische Cosplayerin bei ihrer medialen Vorlage für eine nordische Walküre und die aus Leverkusen für die Hauptperson eines japanischen Anime entschieden hat.

Gunda Luyken

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